Friedrich Dürrenmatt: Schreiben ist eine Form des Denkens

„Herr Dürrenmatt, mich interessiert Ihre Jugend, Elternhaus, frühe Lektüren, die geistige und soziale Welt aus der Sie kommen.“
Mit dieser Frage stolpert Heinz Ludwig Arnold in ein dreieinhalb-stündiges Gespräch mit Friedrich Dürrenmatt. Und anstatt auszuweichen oder auf etwas ganz anderes zu antworten, hält Dürrenmatt genau das für den wesentlichen Kern:

„Im Grunde ist die Frage nach meiner Jugend, eine der wichtigsten Fragen, die man überhaupt einem Schriftsteller stellen kann.“

Bereits diese zwei Sätze machen deutlich, worin für mich die Faszination der Gespräche zwischen Heinz Ludwig Arnold und einer Reihe von Schriftstellern liegt. Da sind zwei Menschen, die sich bei einigen Gläsern Wein unterhalten und die sich gegenseitig wirklich Auskunft erteilen. Der Eine über das was er so schreibt. Der Andere über das was er sich so fragt, wenn er das geschriebene liest. So einfach ist das.

Galileo:
Dürrenmatt hat sich mit den historischen Hintergründen zu Galileo beschäftigt und kommt aufgrund dieser Informationen zu einem anderen Bild des Forschers als Brecht es tut. Galileo hatte zwar mit seiner Idee (die Erde kreist um die Sonne und nicht andersherum, wie die Kirche es sagte) recht, aber er konnte es nicht wissenschaftlich beweisen. Das tragische oder auch absurde daran ist, dass er es hätte beweisen können, wenn er seinem Kollegen Keppler zugehört hätte. So haben Galileo und die Kirche schließlich gemeinsam, dass sie sich selbst als das Zentrum des jeweiligen Universums sehen und nicht bereit sind eine andere Meinung anzuhören oder gar zu dulden. Damit ist Galileo selbst nichts anderes als eine Erde, um die alle anderen Planeten zu kreisen haben. Solch eine absurde Wendung (der Wissenschaftler ist genauso absolutistisch, wie die Kirche, die er bekämpft) passt wunderbar in die Gedankenwelt Dürrenmatts.

Es ist eine unglaubliche Freude diesem Mann beim Erzählen, Fabulieren und Theoretisieren zuzuhören! Ebenso wie bei anderen Schriftstellern, deren Interviews mit Heinz Ludwig Arnold ich mittlerweile gehört habe, bin ich überrascht, wie weit- und hellsichtig diese schon zwischen 1970 und 1980 waren. So berichtet Dürrenmatt zum Beispiel davon, dass er an einem Stück schreibe, dass sich damit beschäftige, ob die Literatur überhauptnoch gelesen wird und vielleicht nicht einmal geschrieben wird, sondern nur in der Form ihrer Kritiken existiert. In diesem Stück erklären sich die Gespenster der verschiedenen ums Leben gekommenen Darsteller auf einem Friedhof gegenseitig die Wirklichkeit und können sie selbst nicht glauben. Ja, das ist schon irgendwie ein stückweit absurd – und das ist gerade die Qualität eines Friedrich Dürrenmatt das Absurde in einer solchen Weise darzustellen und zu beschrieben, dass es Spaß macht dem Absurden zu folgen und herauszufinden, welche Wendungen, das schon von Anfang an Absurde noch nehmen wird, um am Ende plötzlich der Realität überraschend ähnlich ist.

Wenn ich erfahre, dass die Situation der Literatur schon 1980 „schwierig geworden ist“, zu einer Zeit, als es weder Hörbücher noch Downloads oder eBooks gab, eine Zeit die in meiner eigenen Erinnerung davon geprägt ist, dass ich voller Stolz ein ganzes Regalbrett wahlweise farblich oder nach Autor sortierbarer Suhrkamp-Taschenbücher besaß. Was würde Dürrenmatt wohl zur Situation der heutigen Literatur sagen? Ich weiß es nicht, aber ich würde es wirklich gerne wissen. Würde er seinen Satz davon, dass eine Geschichte erst dann zu Ende gedacht ist, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat, bestätigt fühlen oder würde er am Ende gar die aktuelle Literatur als erfrischend, mutig oder wesentlich empfinden, aber gar nicht als im Niedergang begriffen. Das wäre ein Gespräch, das ich wirklich gerne erleben würde!


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..