Christa Wolf „Sommerstück“

Es war dieser merkwürdige Sommer.

Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Anfangssatz nun schon gelesen habe. Immer wieder finde ich diesen Satz und die ganze erste Seite, die ersten zwei, drei Kapitel unglaublich. Es ist beeindruckend, mit welchem Sog, mit welcher Wucht Christa Wolf den Leser in die Geschichte hineinzieht. Die ersten Kapitel sind geschrieben wie im Rausch. Erst dann werden Kapitel für Kapitel die Strukturen klarer.

Eine der Aufgaben, die ich mir nach dem Lesen von allerlei Schreibratgebern und JetztWerdeIchEinAutor-Blogs gestellt habe ist, Bücher, die mir seit vielen Jahren immer wieder gut gefallen, noch einmal aus der Sicht eines Autors zu lesen und herauszufinden, wie der „Kollege“, die „Kollegin“ das gemacht hat, dass mir als Leser dieses Buch so gut gefällt. Noch setze ich „Kollegin“ in Anführungszeichen, denn ich bin mir zwar endlich sicher, dass ich ein Schreiber bin, aber mich gleich mit Christa Wolf zu vergleichen, ist dann doch etwas vermessen. Bei Christa Wolf finde ich nun zahlreiche Spannungselemente auf den ersten Seiten. Andeutungen, offene Enden, bewusst unklar gelassene Zusammenhänge. Hat Christa Wolf einen Entwurf geschrieben und sich dann hingesetzt und sich gesagt „Jetzt verteile ich mal ein paar Spannungselemente“? Oder macht genau das einen guten, einen erfahrenen Autor aus, dass er solche Techniken verwendet, ohne vorher in einer Checkliste nachsehen zu müssen? Als Christa Wolf an dem Buch schrieb, war sie schon eine langjährige und erfolgreiche Schreiberin. Aber wo haben Autorinnen/Autoren wie Christa Wolf oder auch Siegfried Lenz gelernt, so zu schreiben?

Wiewohl (ist das nicht ein schönes Wort, das sich viel zu selten verwenden lässt?) ich extra eine gebrauchte Ausgabe des Sommerstücks gekauft habe, um Anmerkungen darin machen zu können, werde ich nun genau dies nicht tun. Ich habe, ohne mir dessen bewusst zu sein, die erste Auflage des Aufbau-Verlages gekauft. Zusammen mit der bereits 1989 gekauften Ausgabe des Luchterhand-Verlages habe ich nun die jeweils ersten Auflagen aus beiden deutschen Staaten. Da werde ich nicht herumkritzeln!

Christa Wolf hat schon Ende der 1970er Jahre am „Sommerstück“ geschrieben. Veröffentlicht wurde es dann erst 1989. Im Internet finde ich einige Hintergründe zum Buch und dessen Entstehung. Es war die Zeit der Ausbürgerung von Wolf Biermann und des Ausschlusses von Christa Wolf aus dem Schriftstellerverband. Immer wieder wird die Freundschaft zwischen Christa Wolf und Sarah Kirsch betont. Leider bleibt mir gerade dieser Aspekt unklar. Weshalb verwendet Christa Wolf ein erstes Gedicht von Sarah Kirsch als Vorsatz und ein zweites als ersten Satz und schreibt dann so schlecht über ihre Figur Bella, hinter der sich Sarah Kirsch verbergen soll? Weshalb gibt sie zu ihrem ersten Satz die Quelle nicht an? Gerade dieser tolle erste Satz, der so viel zur Stimmung des Buches beiträgt, ist damit irgendwie von Sarah Kirsch geklaut. Nachdem mir diese Zusammenhänge klar wurden, habe ich als nächstes Sarah Kirschs „Allerlei-Rauh“ gelesen. Eine wunderbar lyrische Erzählung, die mir leider fast gänzlich verschlossen bleibt. Ich bedaure es sehr, dass ich ihre Texte so wenig verstehe.

Es würde sich etwas verändern. Heute sagen wir alle, wir hätten es gewusst, dass es nicht so bleiben konnte.

Ein Satz, der ein Teil der Handlung des Buches zusammenfasst und seltsam prophetisch die Ereignisse im Herbst des Erscheinungsjahres 1989 vorwegnimmt.

Neben vielen anderen Dingen fasziniert mich an dem Buch, dass es fast gänzlich darauf verzichtet, seine Protagonisten vorzustellen. Die Personen sind einfach da oder reisen an oder werden erwartet. Vieles ist in der Schwebe. Es hat eine sommerliche Leichtigkeit. Nur am Rande, auf Umwegen erschließen sich einige der Beziehungen der Personen untereinander. Anfangs habe ich mir zahlreiche Notizen gemacht, um herauszufinden, wer zu wem gehört. Mittlerweile ist mir klar geworden, dass es für diese Geschichte völlig unerheblich ist, welche Protagonisten eine Familie bilden. Im Gegenteil, gerade diese Bezüge würden von der Geschichte ablenken. Für mich ist das Thema des Buches die Stimmung eines Sommers. Dafür sind Familiennamen unerheblich.

Ich habe diese Technik für die Kurzgeschichte Frühstück in R übernommen. Als Weiterführung der Grundidee habe ich mehr Namen als Charaktere verwendet, so dass eine weitere Ebene der Unschärfe hinzukommt.


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