Max von der Grün: Ein unbekanntes Vorbild

Durch die „Gespräche mit Schriftstellern“ von Heinz Ludwig Arnold habe ich einen für mich neuen Autor kennengelernt: Max von der Grün. Ich bin sehr gespannt darauf, wenigstens einen seiner Romane wie z.B. „Irrlicht und Feuer“ oder „Stellenweise Glatteis“ kennenzulernen. Ich finde es immer wieder beeindruckend, wie Autoren aus dem Vor-Digitalen Zeitalter, die ganz ohne Facebook und Internet gelebt und geschrieben haben, viel mehr mit dem in Verbindung standen, das ich Wirklichkeit nenne. Da geht es nicht um die Frage, wie ich das beste prä-Marketing mache, welche Schlagworte meine Zielgruppe am häufigsten bei Google eingibt oder gar welche Farben des Buch-Covers das Unterbewusstsein stimulieren, da geht es – im Falle des Max von der Grün – um die existentiellen Fragen des Arbeiters in einem Kohlebergwerk. Für mich ist das viel mehr mit dem „Was macht den Menschen aus?“ verbunden als viele Themen der heutigen Zeit.

Max von der Grün wurde 1926 geboren. Nach einer kaufmännischen Lehre bei der Porzellanfabrik Rosenthal, dem Zweiten Weltkrieg und anschließender amerikanischer Gefangenschaft, arbeitete er ab 1951 im Bergbau. Schon in der Schulzeit und dann später in der Kriegsgefangenschaft, las er alles, was er bekommen konnte. Aus Mangel an Anleitung durch Eltern oder Schule, hat er alles durcheinander gelesen. Ohne irgendwelche Kriterien zu kennen, las er an einem Tag Karl May und am nächsten Balzac oder Thomas Mann. Auf diese Weise hat er sich Kriterien selbst erarbeitet.

Genau dieses orientierungslose Lesen ist es, dass ich selbst aus der eigenen Jugend auch kenne. Es gab keine Begrenzungen wie „Du verdirbst Dir die Augen“, aber eben auch keine Anleitung. Im Elternhaus gab es einen einsamen Operettenführer, den keiner las. Aus der Schulzeit sind mir Gustav Freytags „Soll und Haben“ sowie, das damals völlig unverständliche, „Abschied von den Eltern“ von Peter Weiß in Erinnerung. Alles andere von „Pippi Langstrumpf“ bis „Die Brüder Karamassow“ entdeckte ich erst später. Das ist der Punkt, der mich mit Max von der Grün verbindet und der ihn für mich zum Vorbild werden lässt. Ich erlebe in Max von der Grün einen echten, richtigen Schriftsteller, der dennoch ähnlich orientierungslos wie ich durch die Jahrhunderte und Genres der Literatur stolperte.

Max von der Grün sagt von sich selbst „Zum Schreiben kam ich durch das Lesen“ und auch „Ich weiß gar nicht ob bei mir der Wunsch war, Autor zu werden. Ich war nur bass erstaunt, dass ich es plötzlich war.“ Die Anfänge seines Schreibens liegen in seinen privaten Tagebüchern. Er hat das, auf dem gemeinsamen täglichen Fußweg zur Zeche, dahingesprochene „Mensch, man müsste das mal aufschreiben“ einfach ernst genommen und umgesetzt. Beginnend mit der Beschreibung seiner Straße und den Menschen, die dort wohnten „formte sich da etwas heraus.“ Nach und nach traten dann auch Figuren in diesem Tagebuch auf, die es so gar nicht gab. Beim Lesen von Biographien entdeckte er, dass viele Schriftsteller sich mit dem beschäftigen, was sie an Leben umgibt. Für ihn war das die Bergarbeitersiedlung, in der er lebt. „Ich bleibe immer in dem Bereich, den ich kenne.“ Ein sehr demütiger Satz, der die Authentizität seines Schreibens erklärt.

Max von der Grün schreibt über seine Arbeit im Bergwerk und verliert diese Stelle, weil der Roman zu kritisch ist. Später wird Heinrich Böll von der BILD-Zeitung den Terrorosten der RAF gleichgestellt. Und heute? Natürlich muss nicht jeder Autor politische Literatur schreiben. Doch bei vielen Texten frage ich mich, was ist das Wesentliche daran? Noch immer denke ich mit Schrecken an das Interview einer erfolgreichen Autorin auf der Leipziger Buchmesse zurück. Die Autorin sagte sinngemäß, dass sie kein eigenes Leid in ihrem Leben vorweisen könne und sie daher darauf angewiesen sei, die Leben ihrer Freunde und ihrer Familie wie ein Vampir auszusaugen, um neuen Stoff für ihre Texte zu finden. Warum will sie dann unbedingt Schriftstellerin sein, wenn sie selbst weiß, dass sie nichts zu sagen hat?

Ist Schreiben im 21. Jahrhundert zu einer Tätigkeit geworden, die ich wählen und wieder zur Seite legen kann, wie eine Lieblingssportart oder ein Zeitarbeitsverhältnis bei Firma XY? Ach, ich entscheide jetzt mal, Schriftsteller zu sein. Ich weiß zwar nicht, was ich schreiben soll, aber ich baue schon einmal eine Instagram-Community auf und meine Familie muss dann halt als Themenreservoir herhalten, weil ich selbst gar nichts zu erzählen weiß.

Was unterscheidet mich heute von den Autoren der 1950er Jahre? Gibt es diesen Unterschied wirklich? Lässt sich von „denen damals“ nicht genauso viel lernen, wie in jedem heutigen SearchEngineOptimization- und Figurengestaltungs-Workshop? Ich lande an dieser Stelle immer wieder bei der Frage, wie Böll, Lenz und eben auch von der Grün ganz ohne Zielgruppenanalyse und Beobachtung der Marktsegmente gelernt haben, so zu schreiben, dass ihre Bücher über Jahrzehnte hin erfolgreich sind. Mir geht es nicht darum, die Themen der 1950er Jahre wieder aufzuwärmen, aber die Art und Weise, wie die Autoren auf ihr damaliges Jetzt reagiert haben, davon mag ich lernen.


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