Kassel – Würzburg – Wien: ICE 27

11:00 Abfahrt: Tee kochen. Schinkenbrote einpacken. Dose mit Süßigkeiten einräumen. Laptop. Ladekabel. An Reisetagen komme ich mir oft vor, als ginge es zu einer Himalaya-Expedition. Ich bin immer wieder erstaunt und beeindruckt von anderen Reisenden, die nur mit einer kleinen Tasche unterwegs sind und trotzdem am Ziel ankommen.

11:30 Autobahndreieck Fulda: Ich muss daran denken, nicht aus lauter Gewohnheit abzubiegen. Heute muss ich geradeaus: Ulm / München / Würzburg.

12:00 Brückenschäden: Seit ich die „Grenze“ nach Bayern überquert habe, ist gefühlt an jeder zweiten Brücke ein Schild „Brückenschäden, Tempo 80“. Oft auch Baustellen, die dann sehr eng sind.

12:30 Autobahnkreuz Schweinfurt: Ich bin noch immer überrascht über die relativ neue A70 nach Suhl. Ist das „schon“ oder „noch“ Thüringer Wald? Oft habe ich eine Landkarte im Kopf und kann mir ohne Blick in Google vorstellen, wie Würzburg, Frankfurt (Main) und Stuttgart zueinander liegen. Aber Schweinfurt und Suhl? Auch zu Bamberg, das sich laut Beschilderung über die A71 erreichen lässt, habe ich keine Vorstellung.

13:00 Parkhaus: Die Schranke geht nicht auf. Beim dritten verwunderten um mich herum schauen wird mir klar, dass es die Einfahrt für Dauerkartenbesitzer ist. Ich kann die Frau im Wagen hinter mir durch Rückwärtsgang und Warnblinkanlage davon überzeugen, dass hier irgendetwas nicht stimmt und sie fährt zurück. Die Schranke für Normalparker ist eine Einfahrt weiter. Die Frau ist nun vor mir, zieht eine Karte und fährt hinein. Als ich es ihr nachtuen will, heißt es „Parkhaus belegt“ entweder ist sie trotzdem hineingefahren oder sie hat den letzten Platz bekommen.

13:30 Bahnsteig: Die einzige Bank steht außerhalb der Bahnsteigüberdachung. Es ist wunderbar sonnig und ein älterer Herr sitzt dort und isst etwas aus einer Bäckereitüte. Ich setze mich mit meiner Bäckereitüte dazu und wir kommen in ein kurzes Gespräch. Er holt jemanden ab, der mit dem Zug ankommt, mit dem ich weiterfahre. Er berichtet vom Klassentreffen, zu dem er mit dem anderen Reisenden zusammen unterwegs ist. Die Klassentreffen finden nun jährlich statt, damit bis zum nächsten Mal nicht so arg viele verstorben sind.

14:00 Der Zug fährt: Der Zug ist voll und mir gegenüber sitzt das Mädchen mit tätowiertem Schmetterling auf der Schulter.

14:30 Nürnberg: Das gefühlte halbe Abteil strömt zum Ausgang. Ich beginne Luft zu schöpfen. Ich bin nicht der einzige, dem es so ergeht. Andere tauschen schnell die Plätze, während noch keine neuen Reisenden eingestiegen sind. Kaum habe ich aufgeatmet, strömen genausoviele Menschen wieder neu hinein.

15:00 Guten Tag noch jemand zugestiegen: Nach 90 Minuten die erste Schaffnerin. Bis Nürnberg hätte ich also auch umsonst fahren können. Es ist dunkler geworden. Erst denke ich, es liegt an meiner Brille, aber das ist ja nur eine Lesebrille und keine auf der Nase vergessene Sonnenbrille. Tropfen an der Scheibe. Dunkle Wolken Himmel. Dazwischen ein paar wenige Sonnenlücken.

15:30 / 16:00 / 16:30 Datenschutz: Ich bearbeite einen Text zum Datenschutz. Die neue Datenschutzverordnung DSGVO tritt bald in Kraft und entwickelt sich gerade zum Schreckgespenst für Firmen, Privatpersonen und Blogger. Sollte die Verordnung nicht den berühmten kleinen Mann schützen? Stattdessen plagen sich nun tausende ungeschulte Menschen mit dem neuen Gesetz herum, während die großen Firmen zwar ihre AGBs anpassen, aber nun einfach deutlich sagen, dass sie sämtliche Daten weiterverkaufen, in die USA auslagern oder für nervtötende Werbezwecke verwenden. Wer das nicht unterschreiben möchte, darf gerne sein Konto löschen. Macht das jemand? Ja, ich kenne tatsächlich zwei Personen, die jetzt keinen Social Media Auftritt mehr haben. 2 Nutzer weniger, das wird die Internetkonzerne echt mächtig beeindrucken.

17:00 Linz: Langsam wird es mühsam. Es ist immer noch warm und eng. Dass Nichtstun so anstrengend sein kann.

17:30 / 18:00 / 18:30 Die Zeit schleicht vor sich hin: Ich komme mir vor, wie ein quengelndes Kind: „Ist es noch weit?“.

19:00 Wien Hauptbahnhof (Nachtrag): Ich muss mich entscheiden, ob ich mit der U-Bahn zum Hotel fahre oder den 30-Minuten Takt einhalte. Ich habe mich für die U-Bahn entschieden. Jetzt im Nachtrag wird mir klar, es wäre viel passender gewesen, sich für das Schreiben zu entscheiden. Reisen ist für mich oft eher anstrengend. Besonders, wenn ich eine Strecke zum ersten Mal reise. Aber wen hätte es gestört, wenn ich 10 Minuten hier gesessen hätte, geschrieben und dann eben später im Hotel angekommen wäre? Niemanden. Ich entdecke, dass diese Art des Schreibens nicht nur ein Protokoll des Tages ist, sondern mir auch neue Perspektiven auf meine Wahrnehmung eröffnet.

19:30 Wien: Wien ist eine Stadt, die zu mir passt. Ich bin nun das dritte Mal hier und habe mich jedes Mal gut zurechtgefunden. (Heute zum ersten Mal per Zug) Nach anfänglichen Schwierigkeiten, finde ich mich auch mit anderen Städten zurecht, aber es bleibt oft eine Grundanspannung. In Wien ist das erfreulich anders. Am Opernplatz wird gerade die Vorstellung aus der Oper live und kostenlos nach Draußen übertragen. Public Opering.

20:00 Schreiben, schreiben, schreiben: Die anfängliche Idee, einen Tag in Abschnitte von 30 Minuten zu teilen, ist während der Zugfahrt etwas verloren gegangen. Nun holt sie mich mit voller Wucht wieder ein. Die Gedanken sprudeln, auch wenn es keine Weltliteratur ist, sondern eine Schreibübung. Dazwischen immer wieder Notizen, die ich später für andere Texte verwenden möchte. Die Zeit rast, kaum ist der Beitrag für einen Zeit-Takt geschrieben, sind 30 Minuten vergangen und der nächste Takt ist fällig. Ich schreibe zu langsam oder mir fällt jetzt, befreit aus der Enge des Zuges, wieder mehr ein. Gleichzeitig bemerke ich – wie oft an solchen Tagen – dass ich mir verwundert die Augen reibe und denke: „Was, das soll alles nur ein Tag gewesen sein? War ich wirklich zum Frühstück noch knapp 800 Kilometer entfernt?“


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