Schreiborte: Rock-Kneipe

Im Hintergrund laute, rockige Musik. Auch nach mehreren Besuchen, ist mir nicht ganz klar, was dies für ein Ort ist. Ich sage „Kneipe mit Rockmusik“. Die Musik ist gut und einige Besucher reisen extra zum Tanzen an. Die drei verlorenen Menschen an der Theke könnten aus jeder frei erfundenen Dorfkneipe sein. Auf dem einfachen Holztisch ist TINA eingeritzt. Daneben steht ein Topf mit Plastikblumen. Länglich ovale Blätter mit künstlichem Filz überzogen. Der Filzbezug verwandelt die ursprünglich dunkelgrünen Blätter in ein staubiges Hellgrüngrau.

Wenn ich nicht hier sitze, schreibe ich einen Gartenblog. Ich suche in meinem Kopf nach dem letzten Text. Da war etwas mit Tomaten. Ein Text über die Tomatenernte. Ich saß auf der Terrasse. Die Mauersegler fegten zum letzten Mal für diesen Sommer um die Hausecke. Ich hörte ihr schrilles srie-srie, blickte auf den Holunder in meinem Garten und schrieb über die reiche Tomatenernte in diesem Jahr.

Und hier? Ob TINA einen Garten hat? Vielleicht einen Balkon. Sie hat einen Salbei-Busch, den sie im Winter in die Küche holt. Parsley, Sage, Rosemary and Thyme. Tagsüber hört sie andere Musik als beim Tanzen. Sanftere Töne. Damit der Balkon zur Musik passt, hat sie noch einen Topf Thymian gekauft. Abends in der Dorftanzkneipe muss es dann richtig rocken.

Pink Floyd, Unbekannt, Keine Ahnung, Pearl Jam, No roots, …

5 Songs später ist mein Notizbuch ein wirres Durcheinander aus halben Gedanken, Durchgestrichenem und vielleicht Brauchbaren. Schreiben in der Tanzrockkneipe ist völlig anders als im Garten. Ich bin nicht auf meinem gewohnten Terrain. Andere Musik. Überhaupt Musik. Kein Internet, um zwischen zwei Absätzen den lateinischen Namen irgendeines Krautes nachzuschlagen. Ich taste mich zwischen den Worten entlang. Ganz andere Worte, als mir im Garten begegnen. Woher soll ich jetzt plötzlich wissen, was TINA auf dem Balkon mit ihrem Salbei anfängt? Müsste ich als Schreiber das nicht wissen? Muss ich das wirklich? Salbei heißt auf Lateinisch Salvia officinalis. Das weiß ich mittlerweile auch ohne Kräuterlexikon. Die Geschichte von TINA und ihrem Salbei kann das nicht retten. Der Wind weht den Salbei vom Balkon. Er zerschellt mit einem lauten KLONG auf dem Bürgersteig. Vom dritten Stock aus hat man einen gehörigen Schwung. TINA geht zurück ins Zimmer. Es ist ihr völlig egal, wer wann irgendwo wohnte. Der Balkon ist leer. Aus.

Schreib-ORTE sind ein spannendes Thema. Nicht jeder Ort ist für alle Themen geeignet. Aber ein Ort macht etwas. Ich lasse mich auf TINA und den staubigen Plastiksalbei ein. So sehr, dass ich später nicht sagen kann, wie viele Musikfans von der Dorfstraße an mir vorbei zur Tanzfläche gegangen sind. Wenn ich weiß was ich schreiben will, dann werde ich bei meinen gewohnten Schreibplätzen bleiben. Für neue Ideen lohnt sich die Inspiration von ungewohnten Orten. Vielleicht gerade solche, die mir auf den ersten Blick ungeeignet erscheinen.

Schreib-THEMEN sind ein spannendes Thema. Nicht jedes Thema ist für mich geeignet. Pink Floyd spielt auch nichts von Simon & Garfunkel, obwohl alle Songs aus denselben Tönen und Noten sind. Weshalb sollte ich als Schreiber, mich mit allen Worten gleich gut auskennen? Zum Experimentieren eignet sich dagegen gerade das ungewohnte Terrain. Mein Salbei bekommt nun den Beinamen TINA. Und vielleicht gibt es ja einen passenden Pflanzstecker dafür. Bis ich den gefunden oder selbst hergestellt habe, muss es noch das klassische Namensschild der Gärtner sein.


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