Heinrich Böll und die Kommunikation mit dem Leser

Wer kennt sie nicht, die herrlich subversive Geschichte des Touristen, der einen dösenden Fischer darüber belehrt, wie er angeblich ein zufriedenes Leben erreichen kann. Während der Tourist große Reden hält, hat der Fischer das zufriedene Leben längst gefunden. Heinrich Böll schrieb diese „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ 1963 ganz ohne Heldenreise, Insta Follower und MarketingMitSocialMedia-Seminare. Wie hat er das hingekriegt?

Seit einiger Zeit höre ich die Gespräche zwischen dem Journalisten Heinz Ludwig Arnold, und verschiedenen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Die Gespräche wurden zwischen 1970 und 1985 geführt. Ich bin begeistert und beeindruckt, was die für mich wichtigen Orientierungspunkte der Literatur wie zum Beispiel Heinrich Böll, Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch zu sagen haben. Vieles davon gilt nach wie vor. Anderes ist wieder aktuell geworden. Was mich bei aller Unterschiedlichkeit des Schreibens am meisten überrascht, ist das Verhältnis zum Leser. Heinrich Böll reagiert auf die Frage, auf welche Weise die Leserschaft sein Schreiben beeinflusse mit völligem Unverständnis, er weiß gar nicht wie solch eine Frage gemeint sein kann. Er spricht davon, dass er bei einer Auflage von 15.000 Exemplaren etwa 10 Leserbriefe erhalten habe. Das war 1975. Damit ist klar, dass er aus sich selbst heraus schreiben und erschaffen musste. Der Leser war zwar da, aber nicht in dem permanenten Kontakt zum Autor, wie es heute selbstverständlich ist oder zumindest selbstverständlich erscheint.

Mittlerweile werden ganze Kapitel bei Facebook eingestellt und auf Kompatibilität zur Generation Smartphone getestet und einer, der den Nobelpreis für Literatur erhalten hat, sagt, der Leser spiele für sein Schaffen keine Rolle. Das ist heute unvorstellbar. Es klingt vermessen, nicht die Chancen der modernen Kommunikation zu nutzen und dennoch – die Bücher von Heinrich Böll sind noch immer lesenswert und sie werden noch immer gelesen. Und plötzlich frage ich mich, ob das, was so vermessen klingt, nicht der bessere Weg ist: Der Autor schreibt das, was ihm wichtig ist. Er nutzt die Worte, die aus ihm selbst herauswollen. Natürlich braucht es ein Lektorat, aber braucht es die ständige Rückkopplung mit dem Leser? Wenn dies wirklich notwendig ist, um Erfolg zu haben, sprich gelesen zu werden, weshalb werden dann die Bücher von Böll, Dürrenmatt und Frisch noch immer verkauft? Das „Irische Tagebuch“ von Heinrich Böll trägt nach wie vor die Artikelnummer 1 des Deutschen Taschenbuchverlages und ist seit 1961 ununterbrochen lieferbar.

Was ist es also, das einen erfolgreichen Schriftsteller ausmacht? Bereits nach den ersten der zwei bis dreistündigen Interviews, die Heinz Ludwig Arnold zwischen 1970 und 1980 geführt, ist für mich klar, dass es keine gemeinsame Strategie gibt. Das was heute – in den meisten Fällen selbsternannte – Experten empfehlen („Wende meine zwölfundachtzig Ratschläge an und Du schreibst einen Bestseller!“), war denen, die seit Jahrzehnten erfolgreich schreiben völlig fremd.

Ich merke, wie es mir gut tut, von den „Alten“ zu hören. Zu erleben, wie in einem über drei-stündigen Gespräch, ein ganzer Kosmos an Ideen, Gedanken und Zusammenhängen ausgebreitet wird. Das zu hören weitet meinen Blick. Ich starre nicht mehr gebannt auf Follower und Seiten-Aufrufe und kehre zu dem zurück, was mich und mein Schreiben ausmacht. Wenn ich Sätze lese wie „Das Zugfenster gibt der Verlorenheit des grauen Himmels Halt“ dann geht mir das Herz auf und ich weiß, das ist es, was ich auch machen möchte, Wörter zu solchen Sätzen zusammenzustellen. Bisher bin ich bis zu einem „Stille, weiße Blüten hocken im Windschatten der Treppenstufen“ gekommen und es liegt noch ein weiter Weg vor mir, bis ich ein wirklicher Könner in der Kunst der Wörter geworden bin. Doch gerade wird mir klar, wie schön es auch ist, dass noch eine Wegstrecke vor mir liegt. Ein Weg, auf dem ich noch viele Worte ausprobieren kann.

Heinrich Böll hat heute am 21.Dezember Geburtstag. Er wäre 103 geworden.

 


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