„Herr Dürrenmatt, mich interessiert Ihre Jugend, Elternhaus, frühe Lektüren, die geistige und soziale Welt aus der Sie kommen.“
Mit dieser Frage stolpert Heinz Ludwig Arnold* in ein dreieinhalb-stündiges Gespräch mit Friedrich Dürrenmatt. Und anstatt auszuweichen oder auf etwas ganz anderes zu antworten, hält Dürrenmatt genau das für den wesentlichen Kern:
„Im Grunde ist die Frage nach der Jugend, eine der wichtigsten Fragen, die man überhaupt einem Schriftsteller stellen kann.“
Bereits diese zwei Sätze machen deutlich, worin für mich die Faszination der Gespräche zwischen Heinz Ludwig Arnold und einer Reihe von Schriftstellern liegt. Da sind zwei Menschen, die sich bei einigen Gläsern Wein unterhalten und die sich gegenseitig wirklich Auskunft erteilen. Der Eine über das, was er so schreibt. Der Andere über das, was er sich so fragt, wenn er das Geschriebene liest. So einfach ist das.
Es ist eine unglaubliche Freude Dürrenmatt beim Erzählen, Fabulieren und Theoretisieren zuzuhören! Ich bin überrascht, wie weit- und hellsichtig Dürrenmatt damals schon war. So berichtet er zum Beispiel davon, dass er an einem Stück schreibe, dass sich damit beschäftige, ob die Literatur überhaupt noch gelesen wird und vielleicht nicht einmal geschrieben wird, sondern nur in der Form ihrer Kritiken existiert. In diesem Stück erklären sich die Gespenster der verschiedenen ums Leben gekommenen Darsteller auf einem Friedhof gegenseitig die Wirklichkeit und können sie selbst nicht glauben. Ja, das ist schon irgendwie ein stückweit absurd – und das ist gerade die Qualität eines Friedrich Dürrenmatt das Absurde in einer solchen Weise darzustellen und zu beschrieben, dass es Spaß macht dem Absurden zu folgen und herauszufinden, welche Wendungen, das von Anfang an Absurde noch nehmen wird, um am Ende plötzlich der Realität überraschend ähnlich zu sein.
Ich erfahre auch, dass die Situation der Literatur schon 1980 „schwierig geworden ist“. Zu einer Zeit, als es weder Downloads noch eBooks gab. Eine Zeit, die in meiner eigenen Erinnerung davon geprägt ist, dass ich ein ganzes Regalbrett wahlweise farblich oder nach Autor sortierbarer Suhrkamp-Taschenbücher besaß. Was würde Dürrenmatt wohl zur Situation der heutigen Literatur sagen? Würde er seinen Satz davon, dass eine Geschichte erst dann zu Ende gedacht ist, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat, bestätigt sehen? Oder würde er am Ende gar die aktuelle Literatur als erfrischend, mutig oder wesentlich empfinden, aber gar nicht als im Niedergang begriffen? Das wäre ein Gespräch, das ich wirklich gerne erleben würde!

Schließlich stöbere ich natürlich auch im eigenen Bücherregal. Viele von Dürrenmatts Texten habe ich vor mehr als 20 Jahren gelesen. Werden mir seine Stücke und Romane noch genauso gut gefallen wie damals?
Ja, ganz ohne Zweifel! Da ist sie wieder die gleiche Begeisterung für Dürrenmatts Texte. Mich beeindruckt, wie es ihm immer wieder gelingt, den Leser in die Irre zu leiten. Und das, obwohl ich es nun doch wirklich weiß, dass es sicher nach der dritten und vierten Wendung noch eine fünfte geben wird. Meine liebsten Werke sind „Die Physiker“ – da habe ich als Naturwissenschaftler einfach keine andere Wahl – und „Justiz“, ein begeisterndes Verwirrspiel um einen vor aller Augen erschossenen Politiker.
* Heinz Ludwig Arnold, (1940 – 2011) war freiberuflicher Publizist und Honorarprofessor der Universität Göttingen. Er war Herausgeber der Zeitschrift TEXT+KRITIK sowie des Kritischen Lexikons zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Arnold hat es wie kein anderer verstanden, Literaturkritik und Wissenschaft miteinander zu verbinden. Seit den sechziger Jahren begleitete er den Literaturbetrieb mit Kritiken, Essays, Porträts und vor allem Interviews. 2009 erschien das von ihm neu bearbeitete Kindler Literatur Lexikon.
