Mary Hunter Austin „Wo wenig Regen fällt“

Mary Hunter Austin veröffentlichte 1903 vierzehn kurze Geschichten über Landschaft, Tiere und Menschen der Mojave-Wüste im Südwesten der USA. Sie hatte diese Region viele Jahre lang durchstreift und dann in nur wenigen Wochen die Texte für das Buch „Land of little rain“ geschrieben.
Schon das Vorwort ist schon eine eigene Geschichte. Es ist kein Vorwort eines Herausgebers oder irgendeines schlauen Menschen, es ist das Geleitwort der Autorin, die deutlich macht, wie sie ihr Schreiben versteht. Ich finde so etwa immer hilfreich. Vielleicht auch, weil ich das vom Technical Writing gewöhnt bin. Da ist es ganz selbstverständlich einem Text eine Art Gebrauchsanleitung in Form eines „Dieser Text ist gut für“ voranzustellen.

Sofort wird klar, hier schreibt jemand, der mit und in dieser Landschaft lebt. Kein Zaungast oder Durchreisender. Um so zu schreiben braucht es viele Jahre des eigenen Erlebens und die Bereitschaft sich auf Natur und Menschen einzulassen. Gleichzeitig sind gerade auch die Naturbeschreibungen teilweise die schwierigeren Texte. Die Sätze sind lang und verschlungen und gelegentlich bleibt unklar, von was sie eigentlich redet. Weil sie unbekannte Pflanzennamen einstreut oder bei einzelnen Worten gar nicht klar ist, ist das eine Pflanze, ein Mensch oder ein Ort. Und dann wieder Texte wie „Die Korbflechterin“, ein Text so wuchtig und dabei schlicht wie ein wummernder Kohleherd in der Küche.

Übersetzung
Im Laufe des Buches beginne ich mich an der Übersetzung zu reiben. Besonders bei den Naturbeschreibungen sind die ewiglangen Sätze mit ungewohntem Satzbau oder auch unbekannte Pflanzen und Ortsnamen eine Herausforderung. Hat Mary Hunter Austin wirklich so geschrieben? Sind ihre Sätze auch im Original so endlos und verschlungen und uneindeutig?
„Jeder Canyon empfiehlt sich wegen einer anderen vorzüglichen Eigenschaft. Dieser wegen seiner Kiefern, jener wegen der Forellen, ein anderer wegen der reinen, düsteren Schönheit seiner Granitpfeiler, ein anderer wiederum wegen seiner weitgespannten, irisierenden Wasserfälle. Und wie ich schon sagte, sind einige zwar wegsamer als andere, aber alle führen zu der wolkenstemmenden Zitadelle.“
Der ganze Absatz ist im Buch ein einziger Satz. Ich habe ihn provisorisch in drei Sätze aufgeteilt, ohne am restlichen Satzbau etwas zu ändern. Die Bandwurmsätze sind im Deutschen schwer lesbar. Da hätte ich mir eine Übersetzung und ein Lektorat gewünscht, die nicht nur die Worte übersetzen, sondern den Text zugänglich machen. Ist es im Englischen auch so endlos aneinandergefügt? Wie klingt so ein Satz im Original? Wie nimmt ein englischsprachiger Leser dies wahr? Lässt sich das, was Mary Hunter Austin damit sagen will auf mehrere Sätze verteilen, ohne ihre Stimme unkenntlich werden zu lassen?
„Man muss tagelang unterwegs sein, um einen Eindruck von der Vielfalt des Landes der geselligen Sträucher zu bekommen. Diese bedecken vor allem die Terrassen und östlichen Hänge der Vorgebirge der Sierras – große Flächen mit Beifuß, Coelogyne und Schwarzdorn, die kein anderes Gewächs mit hölzernem Stamm in ihrer Nähe dulden; aber nur durch Auswahl, nicht durch Verdrängung; und alle diese verschiedenen Sträucher haben ihren Kreis aus blühenden Kräutern.“
Im gesamten Absatz geht es um Sträucher. Demnach müssen auch „Beifuß, Coelogyne und Schwarzdorn“ auch Sträucher sein. Beifuß ist jedoch ein einjähriges Kraut und Coelogyne wird in einer eigenen Anmerkung als Orchidee beschrieben. Das passt nicht zur erwähnten Vielfalt an Sträuchern. Kann es sein, dass Mary Hunter Austin andere Pflanzen vor Augen hatte? Wie werden die Pflanzen im Original benannt und welche Sträucher mit diesem Namen wachsen in Kalifornien?


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