Sobald ich eine neue Internet-Seite oder einen vielversprechenden Blog über Nature Writing entdecke, gibt es dort „Klassiker“ oder zumindest „Bestseller“, von denen ich noch nie gehört habe und die Mehrzahl, der mir bisher bekannten Autoren werden dort wiederum mit keinem Wort erwähnt. Ganz ähnlich ist es bei Verlagen oder Festivals, die sich gezielt dem Nature Writing widmen. Für jede Facette der Naturliteratur gibt es also jeweils eigene Experten und entsprechende Klassiker. Daher bin ich mit den Stichworten Klassiker und Bestseller vorsichtig geworden. Sie taugen nur wenig, um Wege durch das Thema NaturLiteratur aufzuzeigen.
Als Leser verbringe ich mehr und intensivere Zeit mit einem bestimmten Buch als diejenigen, die professionell zahlreiche Neuerscheinungen oder monatlich wechselnde Bestenlisten vorstellen. In deren Situation bleibt nicht die Zeit, ähnliche Bücher zum gleichen Thema zu lesen oder durch vergangene Jahrzehnte zu blättern. Je häufiger sich also auf Empfehlungen stoße, die sich als richtig schlecht herausstellen, desto mehr lerne ich auf meinen eigenen Eindruck zu vertrauen.
Mir geht es in den meisten Fällen um die Beziehung des Autors / der Autorin zur Natur um sich herum. Was bedeutet die Natur für das Erzählen und das Leben? Lexikalische Auflistungen, in welchem Seitental wie viele Wasserfälle rauschen oder die Anzahl der unwirtlichsten Orte, an denen der Autor im Freien übernachtet hat, sind für mich nicht von Interesse. Damit habe auch ich meine eigenen Vorstellungen, was Nature Writing ist und was eher „ein Buch mit Natur“.
In den letzten Jahren habe ich mich durch NaturLiteratur von 1808 (Alexander von Humboldt „Ansichten der Natur“) bis heute gelesen. Dabei haben sich für mich drei Kriterien für gelungenes Nature Writing ergeben:
1 Jemand lässt mich an den eigenen Empfindungen und Wahrnehmungen teilhaben
Nan Shepherd: Der lebendeBerg (UK, 1946/1977).
Nan Shepherd schreibt so eindrücklich und so plastisch, dass ich das Gefühl habe, mit ihr in den Cairngorms zu sein. Das Schreiben und Wahrnehmen mit allen Sinnen kenne ich aus Creative Writing Seminaren. Sie wendet es an, lange bevor es als Technik „erfunden“ wurde. In jedem Kapitel zeigt sie eine neue Perspektive auf die gleichen Berge. Dabei wechselt sie nicht nur zwischen „sehen“ und „fühlen/tasten“ sondern verfügt auch in den einzelnen Themen über eine überraschende Bandbreite. Alleine die farblichen Nuancen von Schnee und gefrorenen Bächen sind beeindruckend.
Kat Hill: Bothy (UK, 2024)
„Bothy“ gibt es bisher nur auf Englisch. Ich höre das Hörbuch und lese parallel dazu die Papierversion. Mit beiden zusammen verstehe ich ziemlich viel des Textes. Mir gefällt die authentische Schreibweise von Kat Hill. Es gelingt ihr immer wieder einen perfekten Bogen von ihren Erlebnissen über historische Zusammenhänge hin zu dem, was dies alles für sie bedeutet. Kat Hill ist so wohltuend anders in ihrem Schreiben. Ja, sie schreibt auch von sich, aber es ist nie ein „Mein Haus, mein Boot, mein Pferd“. Es ist viel mehr ein „Was macht das mit mir?“
2 Ich verstehe die Zusammenhänge und Wechselwirkungen der Natur um mich herum besser
Robin Wall Kimmerer: Geflochtenes Süßgras (USA 2015).
Unser Verhältnis zur Natur muss sich grundlegend ändern. Wie das gehen kann, erklärt die Biologin Robin Wall Kimmerer in ihrer Essaysammlung „Geflochtenes Süßgras“. Ein kluges wie berührendes Buch, das erst sieben Jahre nach der Erstausgabe die Bestseller-Listen stürmte. [Deutschlandfunk Kultur]
Lucy F. Jones: Die Wurzeln des Glücks: Wie die Natur unsere Psyche schützt (UK, 2021).
Lucy F. Jones zeigt auf vielfältige Weise, wie die Natur uns Menschen körperlich und geistig gesund erhält. Obwohl es ein so sachliches Buch ist, ist es sehr lebendig geschrieben und nach fast jeder neuen Studie, die Lucy F. Jones erwähnt, habe ich den Impuls sofort in den Garten zu gehen oder für eine Tageswanderung zu planen. Allein die Lektüre lässt aufatmen, weil so überdeutlich wird, wie sehr wir Menschen unser Leben verbessern können, indem wir einfach nur ins Grüne gehen.
3 Ich lerne etwas über die Kreisläufe der Natur, das ich im eigenen Leben anwenden kann
Ilga Eger: Ein Jahr im Garten (D, 2007).
Eine ganz andere Art, der Natur zu begegnen und über sie zu schreiben. Ilga Eger geht die direkte Zusammenarbeit mit der Natur. Es geht nicht nur um das Betrachten, Wahrnehmen und Philosophieren, sondern um das Handeln.