Naturbeschreibungen in den Texten von Christa Wolf – Nature Writing als Stilmittel

Der Aufbau Verlag hat sich die Mühe gemacht, die Naturbeschreibungen von Christa Wolf in dem „Nuancen von Grün“ zusammenzufassen [1]. Einige Passagen – hauptsächlich die aus dem „Sommerstück“ – erkenne ich sofort wieder. Andere lassen sich anhand der Stimmung überraschend gut zuordnen.

Die Zusammenschau der Ausschnitte macht deutlich, wie Christa Wolf Naturbeschreibungen als Teil der Stimmung eines ganzen Textes verwendet. Zeitlos schwebend im „Sommerstück“. Mit kaum sichtbaren Rissen bei „Nachdenken über Christa T“. Und untergründig bedrohlich in „Störfall“. „Juninachmittag“ lerne ich erst durch diesen Sammelband kennen und habe noch keine Vorstellung von diesem Text als Ganzes. Insgesamt sind es fast ausschließlich diese vier Texte, aus denen die Naturbeschreibungen stammen. Die Naturbeschreibungen sind für Christa Wolf ein Mittel ihre Geschichte zu erzählen. Und sie beherrscht ihr Schreibhandwerk dabei wirklich gut. Die Abgrenzung zwischen „Naturbeschreibung“ und „Nature Writing“ sehe ich genau bei diesem Zweck des Textes: Dient die Beschreibung dazu die eigentliche Geschichte zu illustrieren und voranzubringen oder ist sie selbst die Geschichte?

Im Nachwort erläutert Christa Wolf ihr Verständnis der gesammelten Naturbeschreibungen. Völlig überraschend beginnt sie ihre Erläuterungen in einer Rechtfertigungshaltung. Jegliches Beschreiben von Grün erscheint ihr suspekt, weil es (1) an die „einfache“ Hirtenpoesie des 18. Jahrhunderts erinnern könnte und (2) nicht gesellschaftskritisch genug ist.
Von diesem Grundgedanken aus arbeitet sie sich und in ihrer typischen Schreibweise mit langen und verwickelten Sätzen durch ihre eigene Lebenserfahrung. Sie verweist auf geschichtliche und literarische Zusammenhänge aus den 200 Jahren vor ihren eigenen Texten. Es ist sowohl ein akademischer als auch ein persönlicher Blick aus der damals noch existierenden DDR, ihrer persönlichen Lebenserfahrungen sowie einem umfassenden Wissen zu Literatur und Geschichte. (Was Duodezfürsten sind, musste ich erst einmal nachschlagen, um zu verstehen, was sie eigentlich sagen will.)

Das alles zusammen macht Christa Wolfs Verständnis von Natur aus. Mir wird beim Lesen deutlich, dass mein Verständnis ein deutlich anderes ist, das aber gleichermaßen von der eigenen Lebenserfahrung geprägt ist. Mein Blick auf die Natur und das Schreiben über Natur ist deshalb nicht moderner oder gar neutraler, er ist vor allem ein anderer. Hinzu kommt, dass Christa Wolfs Erläuterung inzwischen 20 Jahre alt sind und die Texte über die sich spricht, sind sogar 50 Jahre alt. Sowohl die Frage „Was ist Natur?“ als auch die persönlichen Situationen von Autorin und Leser haben sich in dieser Zeit verändert.

Anfangs ist die Natur für Christa Wolf eher eine Requisite, ein Werkzeug, um eine Stimmung deutlich zu machen. Einfach nur „in der Natur zu sein“ oder über sie zu schreiben, erscheint ihr zu unpolitisch und zu wenig gesellschaftskritisch. Doch dann plötzlich:
„Angefangen hat für mich die bewusste Darstellung menschlichen Lebens in der Natur mit jenem Juninachmittag, an dem der Alltag einer Familie in einen Tageslauf im Garten eingebunden wurde“.
Die ganze sehr verwickelte und theoretische Hinführung ist mit dieser Einsicht überflüssig. Und ebenso:
„Die Natur schützt, wenn man will, vor dem Sich-Verlieren in Abstraktion, vor reiner Gedankenakrobatik; im wahren Sinn des Wortes: vor dem Verlust des Bodens unter den Füßen.“

Es klingt wie eine Befreiung. Nach all den Jahren in denen Naturschilderungen für sie mit Bildern wie Georg Büchners Lenz, der durch das Gebirge irrt, verbunden waren. So, als sei ihr neues Verständnis tief versteckt schon immer da gewesen, nur fehlte der Mut oder der äußerliche Anstoß es zu erkennen. Das ist in keiner Weise ein Vorwurf. Im Gegenteil, es zeigt, wie sich die Wahrnehmung mit den Jahren ändern kann. Es zeigt Größe, die eigene Entwicklung zu reflektieren und in solch einem Nachwort dem Leser zugänglich zu machen.
„Ist Schönheit beschreibenswert?“
„Sie ist es [die Schönheit], glaube ich, die das verborgene Muster hinter den Texten dieses Buches abgibt.“

Puh, was eine lange Reise durch Historie und Politik und eigene Lebensvorstellungen, um bei einem so klaren Satz anzukommen.


[1] Nuancen von Grün, Aufbau Verlag Berlin 2002


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